RESILIENZ & NETZFLEXIBILITÄT
Zwei Blackouts. Bessere Fragen für Investitionsentscheidungen.
Chile und die Iberische Halbinsel zeigen: Installierte Leistung, Marktpreise und ein guter Standort-Score erklären die Resilienz einer Energieinvestition nur teilweise.
15. Oktober 2026 · Rückblickende Analyse
Die Zusammenfassung
Die Blackouts 2025 in Chile und auf der Iberischen Halbinsel verliefen unterschiedlich. Beide unterstreichen jedoch, wie stark Anlagen, Regelung und Systemzustand zusammenwirken. Für Investoren zählt, welche Leistungen unter Belastung verfügbar bleiben, von welchen Diensten eine Anlage abhängt und wie sie den Betrieb wieder aufnehmen kann.
Was die Untersuchungen tatsächlich ergeben haben
Dem chilenischen Blackout vom 25. Februar 2025 gingen der Ausfall einer wichtigen Übertragungsverbindung und die Aufteilung des Systems in elektrische Inseln voraus, die nicht stabil blieben. Die vom nationalen Koordinator veröffentlichte unabhängige EPRI-Prüfung stellte fest, dass die Übertragungsleistungen vor dem Ereignis das geltende N−1-Kriterium einhielten. Sie empfahl unter anderem Verbesserungen bei Störfallregelung, Schutzprüfungen, Kommunikationsredundanz und Wiederaufbau. Das Geschehen lässt sich daher nicht auf fehlende Erzeugungsleistung reduzieren. CEN / EPRI, August 2025
Beim iberischen Blackout vom 28. April 2025 identifizierte der ENTSO-E-Abschlussbericht ein Zusammenwirken von Schwingungen, Schwächen in der Spannungs- und Blindleistungsregelung, Leistungsrückgängen und Abschaltungen von Erzeugungsanlagen. Die Empfehlungen betreffen Betriebsführung, Überwachung, Koordination und Datenaustausch. Wer das Ereignis auf eine Technologie oder eine einzige Ursache reduziert, übersieht den praktischen Kern: Sowohl einzelne Komponenten als auch ihr gemeinsames Verhalten zählen. ENTSO-E, März 2026
Unsere Einordnung: Den Investitionsfall auch unter Belastung prüfen
Die SSI-Analyse nutzt die Ereignisse, um Konzentrationen von Abhängigkeiten und Einschränkungen zu untersuchen. Das ist eine rückblickende Interpretation für die Vorprüfung; daraus folgt nicht, dass SSI einen der Blackouts vorhergesagt hat. Eine belastbare vorausschauende Bewertung braucht datierte Eingangsdaten, explizite Annahmen, einen Vergleichsmaßstab und die Validierung anhand von Betreiberinformationen.
Diese Trennung hilft auch wirtschaftlich. Ein Screening kann vor einer Akquisition oder Kapitalbindung die entscheidenden Fragen sichtbar machen. Es ersetzt keine Schutzstudie oder dynamische Netzsimulation. Die Entscheidung lautet, ob die vorhandenen Nachweise den Investitionsfall tragen oder ob weitere technische Prüfungen, Betriebszusagen oder vertragliche Absicherungen erforderlich sind.
Drei Prüfungen für die Investitionsentscheidung
Leistungsfähigkeit: Nennleistung in MW und Kapazität in MWh von den im entscheidenden Moment verfügbaren Leistungen unterscheiden. Ein BESS für Resilienzaufgaben braucht eine definierte Reservehaltung, geeignete Regelung und einen validierten Betriebsmodus. Ersatzversorgung, Inselbetrieb und Netzdienstleistungen müssen spezifiziert und getestet werden; sie ergeben sich nicht allein daraus, dass eine Batterie vorhanden ist.
Abhängigkeiten: Strom gemeinsam mit Kommunikation, Kühlung oder Wasser, Zugänglichkeit und Unterstützung beim Wiederanlauf betrachten. Zwei nominell getrennte Vorkehrungen können dieselbe Abhängigkeit haben. Ein Ausfallszenario sollte die betriebliche Folge und den notwendigen Nachweis benennen. Räumliche Nähe auf einer Karte ist noch kein Beleg für eine tatsächliche Versorgungsbeziehung.
Wirtschaftlichkeit: Auch die Kosten für reservierte Kapazität, Betriebsunterbrechung und Wiederanlauf einbeziehen. Praktische Alternativen anhand derselben Leistungsanforderung vergleichen. Günstiger Strom oder starke historische Arbitrageerlöse belegen für sich keine Resilienz. Umgekehrt wird ein theoretischer Resilienznutzen nicht automatisch zu vertraglich gesichertem Erlös.
Was eine Bewertung liefern sollte
Ein Entscheidungspaket kann Abhängigkeiten, ausgewählte Belastungsszenarien, Auswirkungen auf Verfügbarkeit und Cashflow sowie priorisierte Maßnahmen verbinden. Jede Schlussfolgerung sollte Quelle, Unsicherheit und Verantwortlichkeit für die weitere Prüfung nennen. Ein Investment Committee erhält damit mehr als einen einzelnen Resilienz-Score: Es sieht, unter welchen Bedingungen das Projekt vertretbar bleibt.
Was Sie mitnehmen können
- Prüfen, welche Leistungen bei Belastung verfügbar bleiben und wie der Normalbetrieb zurückkehrt.
- Gesicherte Ereignisbefunde von Modellinterpretation und Prognosebehauptungen trennen.
- Mit dem Screening die Due Diligence fokussieren und wesentliche technische Annahmen anschließend validieren.
Quellen & weitere Informationen
Berichtsgrundlage: SSI Index, „Two 2025 blackouts, two failure modes, one lens“, 15. Oktober 2026. Einordnung und Investitionsfragen von xIntegra. Offizielle Ereignisanalysen: Veröffentlichung der unabhängigen EPRI-Prüfung durch CEN, 20. August 2025; Veröffentlichung der chilenischen Universitätsanalyse durch CEN, 6. August 2025; ENTSO-E-Mitteilung zum Abschlussbericht, 20. März 2026. Die im Ausgangsbericht vorgeschlagene Frühwarninterpretation wird hier nicht als nachgewiesene Prognoseleistung dargestellt.